Die wichtigsten Fragen und Antworten als Kommentar:
Ist es gut, dass Kinder vor Schuleintritt gefördert werden sollen, die Probleme bei der Sprachentwicklung haben?
→ Ja, das ist sogar überfällig. Die vom Ministerium vorgesehenen „ABC-Klassen“ lassen aber ein Konzept zur ganzheitlichen Förderung vermissen. Sprachliche Förderung braucht mehr als Alphabetisierung, das wissen insbesondere Erzieher*innen in den KiTas. Mittlerweile haben in Duisburg aber von gut 5000 Einschulungskindern rund 1000 keine KiTa besucht. Das bislang bekannte Regelwerk des Ministeriums geht also vor allem an Duisburger Realitäten vorbei.
Wie soll der sprachliche Förderbedarf erkannt/dokumentiert werden?
→ Entweder durch bereits bewährte Verfahren der Grundschule oder durch eine vom Ministerium zur Verfügung gestellte App. Die Durchführung dieses Sprachstandsscreenings führte schon im Pilotversuch zu größeren technischen Problemen.
Wann soll es losgehen?
→ Die Kinder, die zum Schuljahr 2030/31 schulpflichtig werden, sollen viel früher zur Anmeldung kommen als üblich, damit sie ggfs. schon im vorangehenden Schuljahr in den „ABC-Klassen“ gefördert werden, also ab Spätsommer 2029.
Wer richtet die „ABC-Klassen“ ein?
→ Die Schulaufsichtsbeamtinnen mit dem Amt für Schulische Bildung auf Basis der Kinder mit Sprachförderbedarf, die nach der früheren Anmeldung durch die Schulen gemeldet werden.
Werden die „ABC-Klassen“ an KiTas oder Grundschulen eingerichtet?
→ Das hängt von der Raumnot im Stadtteil ab. Gerade dort, wo die meisten Sprachförderbedarfe erwartet werden, sind KiTas und Grundschulen bereits sehr voll. Es können dann andere Räume vorgesehen werden. In Neudorf wurde ja auch schon „Tonis Balkanhütte“ zur Grundschulmensa umgewidmet, vielleicht gibt es wieder ähnliche Pläne?
Woher kommt das Personal?
→ Das Ministerium kündigt an, gut 1000 zusätzliche Lehrkräfte oder Sozialpädagogische Fachkräfte dafür einzustellen. Angesichts der Tatsache, dass es an Duisburger Grundschulen eine durchschnittliche Besetzungsquote von 10% gibt und auch Sozialpädagog*innen nicht mehr so leicht gefunden werden, gehen auch diese Vorstellungen weit an der Duisburger Realität vorbei.
Wie groß werden die Gruppen? Wie viel wird gefördert?
→ 5-10, in Ausnahmefällen zwölf Kinder sollen eine Gruppe bilden. In Duisburg droht die Ausnahme als Regelfall. Die Förderung soll zweimal pro Woche jeweils zwei Stunden stattfinden.
Die Schulpflicht beginnt für viele Kinder dann ein Schuljahr vorher, wie soll das funktionieren?
→ Die (höchstwahrscheinlich zukünftig aufnehmende) Grundschule soll das kontrollieren. In Duisburg, wo oft nur an zwei Tagen das Schulsekretariat besetzt ist, wird das zu zusätzlichen Belastungen für Schulleitung und Kollegium führen. Über das „fine-tuning“ hierzu hat sich im Ministerium anscheinend noch niemand Gedanken gemacht.
Werden Fahrten mit Bussen o. ä. nötig werden?
→ Das ist in Duisburg durchaus wahrscheinlich. Zu diesen Regeln – Wann wie viel Erstattung? Spezialverkehr oder ÖPNV-Zuschuss? – hat das Ministerium bislang am meisten aufgeschrieben. Aber gerade das Gebot für die „Wirtschaftlichkeit“ bei einzurichtendem Spezialverkehr lässt schlimmste Déjà-vu-Erlebnisse befürchten, denn in der Vergangenheit konnten Duisburger Schüler*innen in Bussen eines „MEGA“-Busunternehmens durch den Fahrzeugboden auf die Straße schauen… Beschäftigte werden Fahrtkosten abrechnen dürfen, wenn sie zu ihren Gruppen fahren müssen.
Die sprachlichen Fähigkeiten der Vierjährigen werden in NRW doch schon über „Delfin4“ getestet, dann läuft das aus?
→ Vorerst bleibt es bei dieser Parallelstruktur, eine Entscheidung hierzu konnten die beteiligten Ministerien noch nicht fällen.
Sind „ABC-Klassen“ also sinnvolle pädagogische Förderung vor Schulbeginn oder Marketing des Ministeriums vor dem beginnenden Landtagswahlkampf?
→ Das mögen die Leser*innen der infopost angesichts der oben beschriebenen konzeptuellen Leerstellen des Ministeriums und vor dem Hintergrund der Duisburger Herausforderungen selbst entscheiden.
Eine ausführliche Stellungnahme des DGB NRW, bei der die Grundschul-Landesfachgruppe der GEW geholfen hat, gibt es hier:
Stellungnahme des DGB Bezirks Nordrhein-Westfalen und der GEW Nordrhein-Westfalen
Rüdiger Wüllner

