Arbeitsalltag im Montessori Kinderhaus in Düsseldorf

Spagat zwischen Groß und Klein

Im Kita-Alltag stehen Erzieher*innen täglich vor der Herausforderung, den unterschiedlichsten Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden. Gerade in altersgemischten Gruppen sind die Anforderungen hoch. Ein Vormittag der Familiengruppe des Montessori Kinderhauses, Düsseldorf.
Arbeitsalltag im Montessori Kinderhaus Düsseldorf

Foto: birgitH/pixelio.de

Mittwochmorgen, 8.00 Uhr. Weißer Nebel hängt über dem Kinderhaus im Düsseldorfer Stadtteil Urdenbach. Es ist Ankunftszeit. Die Tür zum Raum der Grünen Gruppe geht auf. Ella stürzt hinein, läuft fröhlich auf Erzieherin Karina Klaus zu und schüttelt ihr die Hand. „Duuu, Frau Klaus, das Ei hat jetzt einen richtigen Knacks.“ „Ach was, wirklich?“ Geduldig lauscht die 27-Jährige der Geschichte vom Dino-Ei, dessen Bewohner kurz vorm Schlüpfen ist. „Das musst du gleich in der großen Runde erzählen.“ Seit 7.30 Uhr begrüßt die Erzieherin ihre eintreffenden Schützlinge, ein neunstündiger Arbeitstag liegt vor ihr.

Selbstständigkeit ist Prämisse
Während sie Ella zuhört, schmiegt sich die kleine Pippa an ihren Schoß. Am selben Tisch sitzt der dreijährige Oskar, der zwischendurch Hilfe bei seinem Spiel braucht. Mia hat ein Indianerbild gemalt. Sebastian erzählt, dass er an Karneval als Ninja geht. Luis brüllt, er will bei seiner Mama bleiben. Rosalie und Anton schauen sich mit Erzieherin Stefanie Meier* auf dem blauen Sofa das Bilderbuch „Ich bin schon groß“ an. In der gruppeneigenen Küche frühstücken vier Knirpse. Den Tisch dafür haben sie selbst gedeckt und später räumen die Letzten Teller und Tassen in die Spülmaschine. Erziehung zur Selbständigkeit ist im Montessori Kinderhaus wichtig.

17 Knirpse, 17 Bedürfnisse
Ohne Multitasking geht hier nichts, das zeigen die Anekdoten aus dem prallgefüllten Alltag der Familiengruppe, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. 17 Kinder im Alter von anderthalb bis sechs Jahren kommen in die Grüne Gruppe. Alle über Mittag, viele bis 16.30 Uhr. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen steht Karina Klaus täglich vor der Aufgabe, den Bedürfnissen aller gerecht zu werden. Seit die Erzieherin 2009 die Gruppenleitung übernommen hat, ist ihre To-do-Liste ellenlang: Sprachförderung, Vorlesen, zum Spiel anregen, Schlafbegleitung, dazu Teamsitzungen, Elterngespräche und Entwicklungsberichte. Nicht so einfach, alles unter einen Hut zu bekommen.

Lernen mit D-I-N-O
Der Kita-Alltag ist anstrengend. Um den Spagat zwischen den Bedürfnissen der Älteren und der Jüngeren zu schaffen, spricht sich das Team mehr ab, als es das in einer Ü3-Gruppe tun müsste. „Die kleineren Kinder sind unberechenbarer in ihrem Tun als die Drei- bis Sechsjährigen. Mal eben zur Toilette, das geht nicht wir müssen ständig präsent sein“, so Karina Klaus. Doch die Grätsche gelingt ganz gut: Die Atmosphäre ist ziemlich entspannt und der Geräuschpegel gering. „Wir achten sehr darauf, dass es nicht zu laut wird das ist für alle angenehmer.“ Es liegt wohl auch an ihr und ihren Kolleginnen: Alle wirken ausgeglichen, sprechen mit ruhigen Stimmen. WüPro, ein Sprachlernprogramm für die Vorschulkids, steht an. „Kennt ihr noch die Geschichte vom Kobold, der nur in Silben sprechen kann?“ Fragend schaut Karina Klaus in die Runde. „Jaaaa.“ „Also, welches Wort ist das? D-I-N-O?“ „Dino“, tönt es einstimmig.

Lerneffekt auf beiden Seiten
Karina Klaus ist stolz auf das gute Zusammenwirken: „Die Kinder in unserer Gruppe profitieren sehr voneinander: Die Kleinen lernen viel von den Großen und entwickeln früh sprachliche und soziale Kompetenzen. Und die älteren Kinder gewinnen sehr viel Selbstbewusstsein.“ Gerade erzählt Ella allen, was es mit dem Knacks in dem Dino-Ei auf sich hat. Die Kleineren finden das nicht so spannend und fangen an, durch den Kreis zu toben. „Und was wollen wir heute singen?“ Lächelnd schaut Karina Klaus in die Runde. „Hoch am Himmel“ gellt es aus einigen Kinderkehlen und flugs verwandeln sie sich in laufende Esel und blökende Schäfchen. Das finden auch die Jüngsten super. Als die Kindertiere zu wild werden, klatscht Karina Klaus in die Hände. „Auf geht’s, wir gehen raus.“

Ein Moment zum Durchatmen
Während die Praktikantin im Gruppenraum die Tische für das Mittagessen deckt, haben Karina Klaus und ihre Kolleginnen einen Moment, um sich auszutauschen. Dass solche Augenblicke im Alltag von Erzieher*innen selten sind, ist an vielen Stellen der öffentlichen Meinung noch nicht angekommen. Karina Klaus ärgert das: „Viele meinen tatsächlich, dass unsere Arbeit und die Kleinkindererziehung nur Gedöns sei. Da muss dringend ein Umdenken stattfinden. Natürlich gibt es auch bei uns Dinge, die ich verbessern möchte, aber im Großen und Ganzen stimmt es. Ich freue mich jeden Tag auf die Arbeit mit den Kindern.“ Mittwochmittag, 12.00 Uhr: Die Wintersonne steht hoch über dem Kinderhaus. Der Duft von Hackfleischbällchen und Kartoffeln zieht nach draußen. Der Moment ist vorüber, der Kita-Alltag geht weiter. Es ist Zeit für das Mittagessen.   

Denise Heidenreich // In: nds 2-2014