Ein liebender Gott ist langweilig

Islamischer Religionsunterricht

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es auf dem Weg der Gleichstellung des Islam auch in den Schulen noch einiges zu tun gibt. Das Bekenntnis zu dieser Religion führt im Alltag immer noch zu Benachteiligungen. Bilder einer Scharia-Polizei in Wuppertal und islamistischer Kämpfer aus Dinslaken begünstigen antiislamische Einstellungen. Können die Etablierung des islamischen Religionsunterrichts als ordentliches Schulfach und der Ausbau islamischer Theologie an den Universitäten zu mehr Toleranz und Verständnis führen? Und was treibt junge Menschen in die Arme von Salafisten?
Ein liebender Gott ist langweilig

Foto: iStock.com/PJPhoto69

Ein liebender Gott ist langweilig

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„Ein liebender Gott ist langweilig“, stellt Prof. Mouhanad Khorchide von der Universität Münster in seinem Fachvortrag im Rahmen der Reihe „Bildung – Migration – Gesellschaft“ provokant fest. Organisiert wird die Veranstaltung vom DGB-Bildungswerk NRW in Kooperation mit dem „Projekt Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“.
Attraktiv scheint dem Islamwissenschaftler zufolge ein strafender, mächtiger und Angst einflößender Gott zu sein. Doch für wen? Mouhanad Khorchide erzählt von jungen Leuten, die auf die Frage nach ihrer Religion ohne zu zögern sagen: „Ich bin Moslem!“ und stolz auf den Koran verweisen. Doch kennen sie tatsächlich die zentralen Botschaften ihrer Religion? Vielfach handele es sich, so Mouhanad Khorchide, um religiöse Analphabeten, die Gewissheiten wollen, die sie weder in ihren Familien noch in ihrem sozialen Umfeld zu finden meinen. Gerade die in religiösen Fragen Unsicheren, die auf der Suche nach ihrer kulturellen Identität sind, seien anfällig für radikale Parolen und einfache Heilsversprechen.

Den Islam studieren
„Ich will meine Religion kennenlernen!“ Dies sei auch ein wichtiges Motiv der über 800 Studierenden, die das Studium des Islam in Münster aufgenommen haben. Viele von ihnen wollen als Religionslehrer*innen in den Schulen über den Islam aufklären und eine andere Perspektive auf Gott vermitteln: Mouhanad Khorchide spricht von einem Gott, „der an uns Menschen glaubt“, der dialogisch orientiert ist. Das – so werde dem Professor gelegentlich vorgeworfen – klinge doch schon fast christlich. Warum eigentlich nicht? In der Veranstaltung entwickelte sich ein Gespräch über Religion, das eine überzeugende Basis nicht nur für die Koexistenz von Christen, Juden, Muslimen und Menschen mit anderen religiösen Bekenntnissen sein kann, sondern auch für das Zusammenleben von Gläubigen und Atheisten.
Für viele seiner Student*innen sei es verletzend und ausgrenzend, dass in der öffentlichen Debatte immer wieder der Eindruck erweckt werde, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Es gehe deshalb nicht nur um innerislamische Konflikte, wenn wir uns mit der Radikalisierung von Jugendlichen beschäftigen, sondern um die gesamtgesellschaftliche Frage der Zugehörigkeit. Äußerlichkeiten wie das Tragen eines Kopftuchs dürften dabei nicht immer wieder in den Vordergrund gerückt werden.

Profil des Islamunterrichts schärfen
Angesprochen auf internationale Konflikte zwischen unterschiedlichen Richtungen des Islams macht Mouhanad Khorchide deutlich, dass diese weder in Fragen der Religiosität noch zwischen den Muslimen in Deutschland von besonderer Bedeutung seien. Konflikte gebe es eher um die Frage, inwieweit der islamische Religionsunterricht zu sehr religionskundlich ausgerichtet sei und um sein Verhältnis zum außerschulischen Islamunterricht in den Moscheen, dem Mouhanad Khorchide eine wichtige Rolle für die Orientierung von Jugendlichen beimisst. Keinesfalls solle der schulische Unterricht ihn ersetzen. Gebetsräume in öffentlichen Schulen stünden nicht zur Diskussion. Gute Erfahrungen hätten einige Schulen jedoch mit einem „Raum der Stille“ gemacht, der allen offensteht, die sich zum Gebet zurückziehen oder einfach zur Ruhe kommen wollen.
In der Veranstaltung kam es zu einer regen Diskussion zwischen Muslimen, aber auch zwischen islamischen und christlichen Religionslehrer*innen sowie Befürworter*innen einer konsequent säkularen Schule. Ein Gespräch, das Mut macht.

Manfred Diekenbrock // In: nds 10-2014