Hauptschulen in NRW: Qualität und Wertschätzung bis zum Schluss!

Hauptschulaktion der GEW NRW

Sowohl die Schüler*innen als auch die Lehrer*innen der Hauptschulen in NRW brauchen mehr Unterstützung. Das Lehren und Lernen an den Hauptschulen sind einem so starken Wandel unterworfen, dass es großer Anstrengungen bedarf, die Qualität der Arbeit sicherzustellen. Die GEW NRW fordert deshalb mit einer Aktion: Mehr Qualität und Wertschätzung bis zum Schluss.
Hauptschulen in NRW: Qualität und Wertschätzung bis zum Schluss!

Foto: Christian Schwier/fotolia.de

Unser erstes Argument

Alle unsere rund 100.000 Schüler*innen benötigen besonders viel Unterstützung, damit sie ihren Platz in der Gesellschaft finden! Wenn man sich die Entwicklung der Schülerschaft an Hauptschulen anschaut, dann stellt man fest, dass sie sehr heterogen ist: hier Geborene (mit oder ohne Migrationshintergrund), Zugewanderte (mit oder ohne Schulbesuchserfahrung), Aussortierte oder Abgeschulte (mit oft schlimmen Schulkarrieren), Förderschüler*innen (ob mit oder ohne Feststellung), Menschen mit Krankheiten (oft mit traumatischen und/oder psychischen Ursachen) und Kinder, die auch sonst keinen Platz in der Gesellschaft mehr haben oder finden. Und dann noch Schüler*innen, die zwar mehr Lernzeit brauchen, aber durchaus in ruhigen und klaren Situationen noch viel Leistung erbringen könnten. Und trotzdem gibt es eine Homogenität dieser Gruppe unterschiedlichster Menschen: Sie alle finden sich an einer Schulform wieder, die wenig Achtung oder Respekt genießt, die ausläuft und keine Zukunft hat. Und die zweite Gemeinsamkeit ist: Fast alle Schüler*innen kommen aus dem gleichen sozialen Milieu, es gibt keine Mischung mehr und damit keinen Wechsel. Es fehlt die Anregungsqualität leistungsstärkerer Schüler*innen aus anderen sozialen Milieus. Und das ist das eigentlich Allerschlimmste an dieser Situation. Die Antwort auf diese Problematik liegt auf der Hand - und eigentlich kennt sie auch jeder: Mehr Zuwendung zum Einzelnen, mehr Zeit, mehr Verstehen und Verständnis für die jeweiligen Lebensschicksale, keine Häufung von Problemsituationen in den jeweiligen Lerngruppen. Dazu braucht es kleinere Klassen und mehr Lehrpersonal. Und endlich den Mut, die Situation als existent anzuerkennen und dementsprechend zu handeln. Denn wenn an einer Hauptschule kleine Lerngruppen eingerichtet werden, dann muss Unterricht und Lernzeit gekürzt werden, da die (uralte) Berechnungsgrundlage für die Lehrerversorgung von Fiktionen ausgeht, die gesellschaftlich längst überholt sind. Und woher das Geld? Tja, der G7-Gipfel auf Schloss Elmau kostete zwei Drittel aller Hauptschullehrergehälter eines Jahres in NRW – bei gerade einmal 1,5 Tagen Zusammensein. Mehr müssen uns diese Kinder ja auch nicht wert sein, oder?

Unser zweites Argument

63 Prozent aller erst im Verlaufe der Sekundarstufe I zugewanderten Schüler*innen werden an unseren Hauptschulen unterrichtet! Deshalb brauchen wir kleinere Klassen und mehr Lehrer*innen! In den letzten Jahren ist eine große Zahl von Kindern und Jugendlichen nach NRW zugewandert. Dies geschieht aus unterschiedlichen Beweggründen. Man kann hier grob vier Gruppen unterscheiden:

  • Menschen aus EU-Mitgliedstaaten (hier: EU-Binnenwanderung aus Südosteuropa, d.h. aus Bulgarien und Rumänien),
  • Menschen aus Nicht-EU-Mitgliedstaaten auf dem Balkan (hier vorwiegend Sinti und Roma aus Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina),
  • Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten mit Familie
  • unbegleitete junge minderjährige Flüchtlinge (in erster Linie aus Kriegsgebieten aus dem arabischen Raum und Afrika).

Für alle zugewanderten Kinder und Jugendlichen gilt die Schulpflicht und alle haben ein Recht auf Bildung; egal welchen Aufenthaltsstatus sie haben. Damit haben wir es an unseren Schulen mit einer äußerst heterogenen Schülergruppe zu tun. Die Spannbreite geht dabei von bereits äußerst gebildeten Schüler*innen bis zu solchen, die bislang noch keinerlei Schulerfahrung machen konnten. Viele sind durch die Erlebnisse in ihren Herkunftsländern traumatisiert und benötigen auch psychologische Unterstützung. Genauso unterschiedlich wie die Schüler*innen sind auch die Integrationsmodelle der Städte und Gemeinden. Es gibt Schulträger, die Auffang- und Seiteneinsteigerklassen einrichten. Dort können Schüler*innen dann bis zu zwei Jahre lang schwerpunktmäßig Deutsch lernen. Es gibt aber auch Schulträger, die keine besonderen Klassen einrichten. Dort erfolgt dann häufig eine Einzelintegration in schon bestehenden Klassen. Die zugewanderten Kinder erhalten dort zusätzlichen Deutschunterricht. Wie problematisch dabei die Situation für die nicht deutsch sprechenden Kinder – die zum Teil heftig traumatisiert sind- ist, können wir Lehrer*innen nur erahnen. Gerecht werden können wir diesen Kindern im Schulalltag unserer Hauptschulen wohl kaum.  Von den Kindern und Jugendlichen, die erst im Verlaufe der Sekundarstufe I zugewandert sind, wurden im letzten Schuljahr rund 60  Prozent an der Hauptschule unterrichtet. Die Beratung und Zuweisung der Schüler*innen erfolgt vor Ort durch die Schulaufsicht und die Kommunalen Integrationszentren. Dabei hat die Schulaufsicht die Übersicht über die zur Verfügung stehenden Integrationshilfestellen. Pro Seiteneinsteigerklasse von 15 bis 18 Schüler*innen wird den Schulen zusätzlich eine halbe Lehrerstelle zur Verfügung gestellt.  Dies merken viele Schulen in der Realität jedoch kaum, da die allgemeine Stellenbesetzung an vielen Schulen bereits total unzureichend ist. So entspricht die Zuweisung der Integrationshilfestellen an den Hauptschulen oft einem Tropfen auf dem heißen Stein.  Für das Schuljahr 2015/2016 stehen den Hauptschulen noch nicht einmal alle beantragten und bereits bewilligten Integrationshilfestellen zur Verfügung. Im Vergleich zum letzten Schuljahr werden die Stellenanteile der Integrationshilfestellen für die Hauptschulen um 18 Prozent gekürzt.  Die Verteilung der Stellen auf die Schulformen erfolgt durch die Bezirksregierungen. Alle Schulformen sind verpflichtet sich dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu stellen. Doch nicht alle Schulformen stellen sich dieser Aufgabe mit dem gleichen Engagement. Dies führt mancherorts zu übervollen Klassen und zu Klassenbildungen an Hauptschulen, an denen keine Integration in Regelklassen mehr möglich ist, da die entsprechenden Jahrgangsstufen nicht mehr vorhanden sind.

Für die Hauptschulen fordert die GEW NRW daher:

  • Keine Bildung von Auffang- und Seiteneinsteigerklassen mehr an auslaufenden Schulen!
  • Qualifizierung der Kolleg*innen!
  • Bildung von Auffang- und Seiteneinsteigerklassen an allen Schulformen proportional zur Schülerzahl!
  • Ausreichende Stellenanteile, - um die Auffang- und Seiteneinsteigerklassen erlassgemäß beschulen zu können (15-18 Schüler*innen/Lerngruppe) - damit auch die -Anschlussförderung in den Regelklassen für die Schüler*innen mit Sprachdefiziten weiter fortgesetzt werden kann.

Nähere Informationen zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen und den Vorgaben des Ministeriums für Schule und Weiterbildung zur Beschulung von Zuwandererkindern finden Sie hier. Informationen und Unterstützung zur Arbeit mit zugewanderten Schüler*innen bietet zudem unter anderem die landesweite Koordinierungsstelle der Kommunalen Integrationsstellen (LaKis).

Unser drittes Argument

Trotz rapide sinkender Schülerzahlen an unseren Hauptschulen steigt die Zahl der Kinder mit Förderbedarf weiter an. Im Schuljahr 2014/2015 wurden 8.075 Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf im Bereich der Lern- und Entwicklungsstörungen an unseren Hauptschulen unterrichtet. Damit sind wir in der Sekundarstufe I weiterhin die Schulform mit dem höchsten Anteil von Schüler*innen mit Lern- und Entwicklungsstörungen im Gemeinsamen Lernen (42 Prozent).  Das Stellenbudget allerdings ist für die Hauptschulen um ca. 100 Stellen gekürzt worden. Wie viel sonderpädagogische Förderung bei den Schüler*innen ankommt, lässt sich nur vor Ort eindeutig ermitteln. So kann es beispielsweise sein, dass Hauptschulen, die auslaufend gestellt sind, zwar keine Stellen mehr aus dem Budget erhalten, aber dennoch über Abordnungen oder 'Mitversorgung' Sonderpädagog*innen an diesen Schulen tätig sind. Sei es wie es ist: Die sonderpädagogische Förderung kommt an allen Hauptschulen zu kurz. Zu wenig Sonderpädagog*innen stehen den Schulen und den Schüler*innen zur Verfügung. Auch, wenn die Statistik etwas anderes sagt: Man nehme den Ist-Stand 2012/2013, schmelze ihn der demografischen Entwicklung gemäß in den Folgejahren ab, stelle gleichzeitig den sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich LES nur noch eingeschränkt fest, stelle die Förderschule Lernen auslaufend, zähle die Förderschüler*innen als Schüler*innen der allgemeinen Schule und löse damit einen Stellenbedarf aus, mache einen Strich drunter und errechne ein Mehr von Stellen. Das hilft nur nicht unseren Kolleg*innen. Die inklusive Förderung von Schüler*innen mit Unterstützungsbedarf ist seit dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz Aufgabe der allgemeinen Schule. In der Praxis ist das für die Kolleg*innen unserer Schule häufig eine Aufgabe, die sie ohne zusätzliche Zeitressourcen, (vorlaufende) Fortbildungen und bei fehlenden Sonderpädagog*innen über viele Unterrichtstunden in alleiniger Verantwortung zu bewältigen haben. Nicht, dass wir nicht langjährige Erfahrungen mit Einzelintegration oder integrativen Lerngruppen hätten ... als Aufgabe on top, in einem Maß, das sich zumindest an der Grenze des Vertretbaren bewegte.  Aber nun wird das Maß für alle deutlich überschritten auch für unsere Schüler*innen. Sie alle haben einen Anspruch auf Förderung, unabhängig davon, ob ein allgemeiner oder sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf vorliegt. Sie sind Hauptschüler*innen, weil ihnen das Lernen nicht leicht fällt, sie viel Ermutigung, fachliche Hilfen, Beratung und emotionalen Halt benötigen. Sie zu fördern und zu qualifizierten Abschlüssen zu führen, ist weiterhin die Aufgabe, die die Hauptschule in den letzten Jahren ihres Bestehens zu bewältigen hat.  Dies kann nur Gelingen, wenn wir in kleinen Klassen personell und sächlich gut aufgestellt sind.  Ein Widerspruch in sich ist die Inklusion im unteren Bereich eines segregierenden Schulsystems und als 'Generationenaufgabe' an einer Schulform, die es in einigen Jahren absehbar nicht mehr geben wird, ist ein schwarzer Schimmel. Wir holen die Hauptschule nicht zurück, denn Schulen des längeren gemeinsamen Lernens werden allerorts gegründet. Und das ist auch gut so und entspricht dem inklusiven Gedanken. Die Anzahl der Kinder mit festgestellten oder nicht festgestellten (sonderpädagogischen) Förderbedarfen wird weiterhin steigen.

Unser viertes Argument 

5605 Schüler*innen, die an anderen Schulformen nicht zurechtkommen, werden im letzten Schuljahr von den noch verbleibenden Hauptschulen aufgenommen. Diese Situation stellt eine große organisatorische sowie auch pädagogische Herausforderung dar. Üblicherweise sind die Jahrgänge 7, 8 und zunehmend auch der neunte Jahrgang betroffen. Konnte früher davon ausgegangen werden, dass die benachbarte Realschule Schüler*innen zur entsprechenden Hauptschule überweist, so ergeben sich heute diese monokausalen Zusammenhänge nicht mehr. Durch das Voranschreiten von Hauptschulschließungen im Land erweitern sich die Einzugsgebiete der noch bestehenden Hauptschulen. Des Weiteren werden die Klassen durch interne Verschiebung, wie einzelne Schüler*innen aus den Internationalen Klassen (Auffangklassen, Förderklassen), zusätzlich aufgefüllt.
Dies ist ein unberechenbarer Sachverhalt, der erst zu einem späteren Zeitpunkt kompensiert werden kann. Allerdings muss die Schule sofort auf diese neue Konstellation reagieren. Stundentafel, Fächerkombinationen, zusätzliche Angebote bei Ganztagsbetrieben müssen angeglichen werden und nicht zuletzt muss die Schulsozialarbeit flexibel und schnell reagieren. Auch stellt sich die Frage, ob in den schon vorhandenen Klassen die neuen Schüler*innen individuell eingebettet oder aber als neue Klasse eingerichtet werden sollen.  Viele dieser Schüler*innen kommen mit einer eher frustrierenden Schulerfahrung zur Hauptschule. Sie erlebten Schule als einen Ort voller Misserfolge. Um dieser Schülergruppe eine neue und positivere Sichtweise bezüglich des Ortes Schule zu vermitteln, bedarf es vermehrter individueller Zuwendungen und eine pädagogische Ausrichtung, die, zum einen den Schulfrust der Schüler*innen zunehmend abbaut und, zum anderen, den Lehrplan nicht außer Acht lässt. Dies stellt eine zusätzliche Belastung, die den Kolleg*innen der Hauptschule aufgebürdet wird, dar.  Damit die betroffenen Hauptschulen adäquat reagieren und sich auf die steigenden pädagogischen Herausforderungen einstellen können, bedarf es kleineren Klassen und daraus resultierend einem Mehrbedarf an qualifizierten Lehrer*innen.

Unser fünftes Argument

Trotz gleicher Ausbildung und besonderem Schülerpotenzial haben Lehrkräfte an Hauptschulen eine höhere Unterrichtsverpflichtung und weniger Beförderungsmöglichkeiten als die Lehrkräfte anderer Schulformen! Im Bereich der Sekundarstufe I haben nur die Lehrkräfte an Haupt- und Realschulen eine Unterrichtsverpflichtung von 28 Wochenstunden. Unsere langjährige Forderung ist unverändert eine Senkung auf 25 Wochenstunden. Kurzfristig fordern wir eine Angleichung an die Unterrichtsverpflichtung der Beschäftigten an Sekundar- und Gesamtschulen in Höhe von 25,5 Wochenstunden. Dies erscheint konsequent, wenn man bedenkt, dass die Ausbildung der an den verschiedenen Schulformen Tätigen gleich ist und das Schülerpotenzial an Hauptschulen eine besondere Herausforderung darstellt. Kolleg*innen, die aus den Schulformen des gegliederten Systems (Haupt- und Realschulen) in Schulen des längeren gemeinsamen Lernens wechseln, raten wir im Falle von dienstlich notwendigen Abordnungen darauf zu achten, dass sie bei Rückabordnungen mit mehr als der Hälfte ihrer Unterrichtsverpflichtung an der Sekundar- bzw. Gesamtschule verbleiben, um damit ihre Gesamtunterrichtsverpflichtung auf 25,5 Wochenstunden zu begrenzen. An der Hauptschule sind im Gegensatz zu allen anderen Schulformen der Sekundarstufe I nur 10  Prozent aller Stellen mit dem Lehramt Sekundarstufe I bzw. dem GHR-Lehramt als 1. Beförderungsamt (A 13 beziehungsweise EG 13) vorgesehen. Unsere Forderung lautet daher eine sukzessive Aufstockung auf 40  Prozent wie in den anderen Schulformen der Sekundarstufe I. Nur so können auch weiterhin qualifizierte Lehrkräfte für die Schulform Hauptschule gewonnen werden. Daneben wäre dies auch eine Anerkennung der in dieser Schulform geleisteten Arbeit. Gerade unter dem Aspekt, dass die Schulform Hauptschule eine auslaufende Schulform darstellt und die Arbeitsbedingungen schwieriger werden, ist eine rasche Umsetzung der genannten Forderungen nötig. Von den momentan noch 485 bestehenden Hauptschulen ist bereits jetzt mehr als die Hälfte im Auslösungsprozess. Sowohl zur Aufrechterhaltung der Qualität als auch Lohn für die täglich zu leistende Arbeit wäre eine rasche Erfüllung der genannten Forderungen auch ein Zeichen der Anerkennung der Arbeit der an dieser Schulform (noch) tätigen Kolleg*innen.