Lehrerbedarfsdeckung für Inklusion

Zwischen Blind Date und sinnvoller Steuerung

Im gemeinsamen Lernen werden Schüler*innen mit einem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf jetzt auch als Schüler*innen der allgemeinen Schule gezählt und im Stellenbedarf berücksichtigt. Lehrerstellen für die sonderpädagogische Förderung kommen als ein Mehrbedarfszuschlag hinzu. Dabei greifen für die verschiedenen Förderschwerpunkte unterschiedliche Regelungen. Nur mit einer strukturierten Personalplanung kann der Prozess qualitativ und quantitativ gesteuert werden!
Inklusion braucht Fans im Lehrerzimmer

Foto: kevron2001/fotolia.de

Mehrbedarfe für die sonderpädagogische Unterstützung in den Förderschwerpunkten Geistige Entwicklung, Körperliche und motorische Entwicklung, Sehen und Hören sowie Kommunikation werden weiterhin unter Beibehaltung der Lehrer-Schüler-Relation der jeweiligen Förderschwerpunkte den Schulen zugewiesen. Die Mehrbedarfe für die sonderpädagogische Unterstützung im Förderschwerpunkt Lernen (LE), Sprache (SQ) und Emotionale und soziale Entwicklung (ESE) werden erstmalig aus einem Stellenbudget für diese drei Förderschwerpunkte (Stellenbudget LES) nach neu festgesetzten Parametern abgedeckt.

Doppelzählung: Ja, aber mit dem Rotstift
Die Doppelzählung von Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Grund- und Mehrbedarf ist eine Uraltforderung der GEW. Doch jetzt erfolgt sie unter neuen, verschlechterten Parametern – der Rotstift wurde eindeutig angesetzt: Das Stellenbudget für LES in NRW ist festgeschrieben bis zum Jahr 2023 auf maximal 9.406 Stellen. Aus diesem Budget sind die Lehrerbedarfe der Förderschulen LE, SQ und ESE sowie die Bedarfe für LES im gemeinsamen Lernen zu bestreiten. Auch bei steigenden Förderbedarfen wird die Stellenanzahl nicht erhöht.
In den kommenden Jahren wird das Stellenbudget für LES fortlaufend der demografischen Entwicklung der Gesamtschülerzahlen angepasst. Da die Schülerzahlen in NRW sinken, wird auch das bereitgestellte Stellenvolumen von Jahr zu Jahr niedriger angesetzt. Die Förderschulen LE, SQ und ESE haben eine insgesamt verschlechterte Lehrer-Schüler-Relation erhalten: Einheitlich für alle drei Förderbereiche gilt die neue Bewirtschaftungsrelation von 1:9,92. Für die in § 10 der  Ausbildungsordnung für sonderpädagogische Förderung definierten Kinder mit Schwerstbehinderung im Bereich ESE ist das eine Verschlechterung um 137 Prozent.
Die Verteilung der Mehrbedarfsstellen für das gemeinsame Lernen aus dem Stellenbudget LES erfolgt nicht wie bisher nach der Schlüsselung „Förderstunden pro Kind“, sondern als Zuweisung einer Systemressource. Ebenfalls wird nicht auf der Grundlage der neuen Bewirtschaftungsrelation von 1:9,92 berechnet. Dabei gilt als neue Maßgabe die Zügigkeit der allgemeinen Schule.

Qualitative und quantitative Steuerung
Mit dem Eckdatenerlass bekommen die Bezirksregierungen erstmalig die Stellen für die Mehrbedarfe aus dem Stellenbudget für die Bedarfsdeckung im gemeinsamen Lernen zur Verteilung auf die Schulformen zugewiesen. Dies gilt für die Förderschwerpunkte LE, SQ und ESE ab dem Schuljahr 2014/2015. Diese Bedarfsdeckung soll durch die Versetzung von Lehrkräften für Sonderpädagogik aus den entsprechenden Förderschulen oder durch Neueinstellung von sonderpädagogischen Lehrkräften erfolgen.
Die Personalplanung für die Verlagerung der sonderpädagogischen Förderung in die allgemeinen Schulen verläuft bisher unstrukturiert, in jeder Bezirksregierung unterschiedlich und nur mehr oder weniger transparent. Der Hauptpersonalrat für Förderschulen und Schulen für Kranke sowie die Personalräte bei den Bezirksregierungen fordern eine qualitative und quantitative Steuerung dieser personellen Ressourcen.

Strukturierte Personalplanung
In den „Leitlinien für Personalmaßnahmen bei schulorganisatorischen Veränderungen“ ist die Erstellung eines Stufenplanes für die Auflösung von Förderschulen und den Aufbau des gemeinsamen Lernens als zwingend erforderlich vorgeschrieben.
Aus Sicht der Personalräte muss erreicht werden, dass die Leitlinien und der Stufenplan Grundlagen für das schulaufsichtliche Handeln der Bezirksregierungen werden. Die Auflösung einer Schule braucht klare Regeln: Wie lange werden welche Lehrkräfte mit welcher Qualifikation gebraucht? Welche Möglichkeiten einer Versetzung ergeben sich für diejenigen, die bis zum Ende bleiben müssen? Für alle Betroffenen muss der Prozess transparent gestaltet werden. Im Förderschulbereich ist es unabdingbar, dass sich der Stufenplan einerseits auf die Errichtung neuer Systeme nach einer Zusammenlegung und andererseits auf die Standorte des gemeinsamen Lernens in den allgemeinen Schulen bezieht. Um in diesen Fällen die notwendigen Personalmaßnahmen strukturiert und transparent vornehmen zu können, müssen die Bezirksregierungen im Stufenplan vorgeben, welche Lehrkräfte wo und zu welchem Zeitpunkt gebraucht werden. Dann können die von schulorganisatorischen Maßnahmen betroffenen Lehrkräfte auch qualifiziert ihre Wunscheinsatzorte wählen.
Eine weitere Voraussetzung für eine qualifizierte Interessenbekundung ist die ausführliche Information über die neuen Einsatzmöglichkeiten. Die gegenwärtig angewandten Verfahren der Interessenbekundung erfüllen diese Kriterien nicht. Hier drängt sich der Vergleich mit einem Blind Date auf: Die Lehrkraft weiß nicht, was sie erwartet.

Förderung an allgemeinen Schulen
Die Personalräte und die Beschäftigten erwarten verlässliche Entscheidungen der Schulträger. Bevor Personalmaßnahmen eingeleitet werden, müssen sie erfahren, an welchen allgemeinen Schulen mit welcher Anzahl und mit welchen Förderschwerpunkten Schüler*innen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf unterrichtet werden sollen. Erst auf der Grundlage dieser Beschlüsse werden die Maßnahmen verbindlich. Nur so können die sonderpädagogischen sowie die weiteren fachlichen Kompetenzen – wie Therapie und Pflege – auf hohem Qualitätsniveau an die allgemeinen Schulen transferiert werden.
Personalentscheidungen sind auf der Grundlage des notwendigen Stellenrahmens für eine qualifizierte Umsetzung der Schulkonzepte zu treffen, um die Lehrkräfte vor Überbelastung zu schützen. Zurzeit ist nicht geklärt, welche Aufgaben die Lehrkräfte im gemeinsamen Lernen im Einzelnen erledigen sollen. Das Ministerium schuldet den Beschäftigten zur Klärung ihrer Rollenwahrnehmung eine Aufgaben- und Arbeitsplatzbeschreibung!

Arbeitsbedingungen für Sonderpädagog*innen
Neben einer ausreichenden Quantität ist eine genaue Steuerung des Lehrkräfteeinsatzes auf die Förderschwerpunkte notwendig. Lehrkräfte für Sonderpädagogik sind in der Lehrerausbildung für zwei Förderschwerpunkte qualifiziert worden. Auf die Sicherung der speziellen Fachlichkeit muss auch im gemeinsamen Lernen großen Wert gelegt werden. Die Fachlichkeit ist nicht dadurch gesichert, dass davon ausgegangen wird, Sonderpädagog*innen könnten die Förderung in sämtlichen Schwerpunkten übernehmen. Eine Nachqualifizierung in weiteren Förderschwerpunkten ist erforderlich, wenn sie im gemeinsamen Lernen qualifiziert arbeiten sollen. Lehrkräfte für Sonderpädagogik müssen ihre Kompetenzen sichern und weiterentwickeln, damit ihre Qualifikationen nachhaltig nutzbar bleiben. Dazu bedarf es institutionalisierter Unterstützungssysteme und einer Fortbildung für alle Professionen im gemeinsamen Lernen.

Rahmenbedingungen vor Versetzung
Versetzungen aus Förderschulen in allgemeine Schulen gehen zurzeit verantwortlich nur in die bereits langjährig bestehenden Maßnahmen des gemeinsamen Lernens – wie Gemeinsamer Unterricht und Integrative Lerngruppen – mit Lehrkräften, die bereits längerfristig dorthin abgeordnet waren. Die Fachgruppe Sonderpädagogische Berufe der GEW NRW und die Personalräte sind sich einig: Solange die qualitativen und strukturellen Rahmenbedingungen für das gemeinsame Lernen in den allgemeinen Schulen nicht geklärt und erfüllt sind, sollen keine Versetzungen durchgeführt werden. Sie schlagen daher vor, die Personalbedarfe weiterhin durch Abordnungen aus den Förderschulen zu decken.

Gerd Weidemann // In: nds 4-2014