Onlineumfrage der GEW NRW zur Inklusion in NRW

Was Schulen brauchen.

Seit dem Schuljahr 2014/2015 setzen engagierte Kolleg*innen an den Schulen in NRW das 9. Schulrechtsänderungsgesetz um. Für viele Schulen ist der gemeinsame Unterricht von Schüler*innen mit und ohne Behinderungen Neuland. Andere haben bereits langjährige Erfahrung mit Gemeinsamem Lernen und arbeiten nun unter den neuen gesetzlichen Vorgaben. Zeit für ein erstes Fazit: Wie läuft die schulische Inklusion in NRW? Für eine systematische Bestandsaufnahme hat die GEW NRW Expert*innen aus der Praxis befragt. Die Ergebnisse der Online-Umfrage liegen jetzt vor.
GEW-Online-Umfrage zu Inklusion in NRW

Foto: Kzenon/fotolia.de

Einen Monat lang hatten die Schulleitungen aller allgemeinen und Förderschulen in NRW die Möglichkeit, sich an der Umfrage zu beteiligen. 21,4 Prozent der allgemeinen Schulen nutzten diese Gelegenheit, bei den Förderschulen waren es 29,2 Prozent. Die Ergebnisse beider Umfragen sind damit repräsentativ. Die große Beteiligung macht außerdem deutlich, dass die Schulen sehr daran interessiert sind, ihre bisherigen Erfahrungen mit der Umsetzung der Inklusion zu teilen und Gehör für ihre Belange und Bedarfe zu finden. Es sind gerade diese Aussagen der Expert*innen vor Ort, die die Forderungen der Bildungsgewerkschaft nach mehr Ressourcen und Unterstützung bekräftigen.

1. Allgemeine Schulen brauchen mehr Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung.
75 Prozent der Schulleitungen der allgemeinen Schulen benötigen mehr Stellen für sonderpädagogische Unterstützung. 53 Prozent dieser Schulleitungen halten eine zusätzliche Stelle, 28 Prozent zwei zusätzliche Stellen für notwendig, um gute Arbeit im Gemeinsamen Lernen leisten zu können.

2. Abordnungen oder Versetzungen gehen zulasten der Förderschulen.
Bei 90 Prozent der befragten Förderschulen sind Kolleg*innen für den Bereich Lern- und Entwicklungsstörungen (LES) an allgemeine Schulen abgeordnet, bei etwa der Hälfte der Förderschulen wurden Kolleg*innen an andere Schulformen versetzt. 80 Prozent der Förderschulen veränderten daraufhin ihr Förderangebot, 45 Prozent vergrößerten die Klassen.

3. Gemeinsames Lernen braucht kleine Klassen.
An 63 Prozent der befragten allgemeinen Schulen sind 21 bis 25 Schüler*innen in Klassen des Gemeinsamen Lernens. Bei 26 Prozent der Schulen liegt die Klassengröße allerdings bei 25 Schüler*innen und mehr. Hier müssen Schulministerium und Schulaufsicht dringend gegensteuern. Die GEW NRW hält an ihrer Forderung fest: Inklusive Klassen sollten nicht mehr als 20 Schüler*innen haben!

4. Der vermutete Bedarf an sonder-pädagogischer Unterstützung geht weit über den bereits festgestellten Bedarf hinaus.
Der Anteil der Schüler*innen mit bereits festgestelltem sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf LES ist in Hauptschulen mit Abstand am höchsten, gefolgt von den Gesamtschulen. Die Grundschulen befinden sich hier in einer besonderen Situation, denn nach neuer Gesetzeslage kann der sonderpädagogische Förderbedarf LES seitens der Schule erst im dritten Schulbesuchsjahr gestellt werden.
Alarmierend hoch ist im Vergleich dazu der  Anteil der Schüler*innen, bei denen die Kolleg*innen vor Ort sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf vermuten. Bei den Hauptschulen sind die Werte am höchsten, gefolgt von den Grundschulen. Hier wird deutlich: Die Schulen brauchen mehr Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung.

5. Es gibt eine kontinuierliche Exklusion aus den Regelschulen.
80 Prozent der Förderschulen haben Rückkehrer*innen aus dem Gemeinsamen Lernen.  Durchschnittlich kamen in den Schuljahren 2014 / 2015 und 2015 / 2016 pro Förderschule jeweils drei Schüler*innen aus dem Gemeinsamen Lernen zurück. Die meisten Förderschulen – nämlich 80 Prozent – verzeichnen Rückkehrer*innen aus den Grundschulen, danach folgen mit Abstand Schüler*innen aus dem Gemeinsamen Lernen an Gesamtschulen.

6. Die Kolleg*innen benötigen mehr Fortbildungen.
Zwei Drittel der Schulleitungen aus den allgemeinen Schulen empfinden das bestehende Fortbildungsangebot für die Kolleg*innen als nicht ausreichend. Dringend nachgefragt werden vor allem praxisorientierte Fortbildungsangebote für das Gemeinsame Lernen. Die Förderschulleitungen sehen einen großen Fortbildungsbedarf für die abgeordneten Sonderpädagog*innen, vor allem vorbereitend für die Teamarbeit in ihrer neuen Rolle als Kolleg*innen an der allgemeinen Schule.

7. Die Schulen wünschen sich eine zentrale Anlaufstelle als Unterstützung.
Für die Schulen gibt es derzeit keine zentrale Anlaufstelle für Inklusionsfragen. Die große Mehrheit der Befragten – 80 Prozent – sieht darin jedoch eine unbedingte Notwendigkeit. Knapp die Hälfte der Befragten greift aktuell als externe Unterstützung bei der Umsetzung der Inklusion auf die Kompetenzteams zurück.

8. Inklusive Schulentwicklungspläne müssen her.
Bei 50 Prozent der allgemeinen Schulen und 40 Prozent der Förderschulen gibt es keinen Schulentwicklungsplan der Kommune, der die Inklusion angemessen berücksichtigt. 90 Prozent aller Befragten empfinden dies aber als absolut erforderlich. 57 Prozent der Förderschulleitungen geben an, dass ihre Schule nicht angemessen an der Schulentwicklungsplanung beteiligt wurde, obwohl 22 Prozent der befragten Förderschulen erwarten, voraussichtlich innerhalb der nächsten drei Jahre geschlossen zu werden. Die Beteiligung der Schulen an der Schulentwicklung vor Ort durch Kommune und Schulaufsicht muss dringend verbessert werden.

9. Allgemeine Schulen brauchen eine barrierefreie und inklusive Ausstattung.
Knapp 80 Prozent der Schulleitungen an allgemeinen Schulen verfügen nur zum Teil oder gar nicht über eine ausreichende Materialausstattung für differenziertes Lernen. 64 Prozent der Regelschulen sind nur zum Teil oder gar nicht für ihren jeweiligen Bedarf barrierefrei. Knapp 80 Prozent der Schulen verfügen nur zum Teil oder gar nicht über ein ausreichendes Raumangebot.

10. Das sind die drei vordringlichsten Bedarfe zur Umsetzung der Inklusion.
Die dringlichsten Bedarfe zur Umsetzung der Inklusion sind nach Angaben der Schulleitungen:

  • mehr Stundenanteile von Sonderpädagog*innen;
  • mehr Zeit für Absprachen und Beratung;
  • bessere Räumlichkeiten, um zieldifferentes Lernen und Arbeiten zu ermöglichen.

Es gibt noch viel zu tunDie Ergebnisse der Online-Umfrage zeigen deutlich: Es gibt noch großen bildungspolitischen Nachsteuerungsbedarf seitens der Landesregierung, um die Umsetzung der Inklusion in NRW sowohl für Lehrkräfte als auch für Schüler*innen ohne Reibungsverluste gestalten zu können. Vor allem das große persönliche Engagement vieler Kolleg*innen in den Schulen ist  bislang entscheidend dafür, dass guter Unterricht im Gemeinsamen Lernen stattfindet – eine
unsichere Grundlage, die noch dazu vielfach auf Kosten der Kolleg*innen geht. Schulen benötigen stattdessen verbindliche Qualitätsstandards für Inklusion. Sie brauchen mehr Ressourcen und mehr Unterstützung durch die Landesregierung und die Schulträger. Die GEW NRW fordert deshalb:

  • Mehr Lehrkräfte für sonderpädagogische Förderung!
  • Mehr Zeitressourcen für Absprachen und Vorbereitung!
  • Kleine Klassen, gerade im Gemeinsamen Lernen!
  • Mehr Fortbildungen!
  • Fachzentren für Inklusion vor Ort!
  • Inklusive Schulentwicklungsplanung unter Mitwirkung der Schulen!
  • Bessere Unterstützung der inklusiv arbeitenden Schulen durch ihren Schulträger!

Nachdem es im Transformationsprozess hin zur inklusiven Schule bisher vor allem um die Erhöhung der Inklusionsquote ging, muss jetzt vor allem eines in den Fokus rücken: Qualitätsstandards für inklusiv arbeitende Schulen.

Frauke Rütter // In: nds 11/12-2015