Vom forschenden Habitus im Praxissemester

Der erste Durchgang aus Sicht eines Dozenten

Zum Sommersemester 2015 wurde die Kooperation zwischen den zentralen Orten der Lehrer*innenbildung erstmals auf die Probe gestellt: Die Schulen, die Zentren für schulpraktische Lehrer*innenausbildung (ZfsL) und die Universitäten arbeiten nun Hand in Hand fürs Praxissemester. Und inmitten dieser Akteurskonstellation stehen die Studierenden, die als „Versuchskaninchen“ in das neue Vorhaben gehen.
Vom forschenden Habitus im Praxissemester

Foto:1BrAt82/shutterstock.de

Für Dozent*innen war die Premiere mit einigen Fragen und Herausforderungen versehen. Ob sich die monatelange Vorbereitung auf das Praxissemester im Master of Education an der Universität Duisburg-Essen bewähren würde, sollte sich ab Februar 2015 zeigen: Landesweit strebten Lehramtsstudierende an den Lernort Schule. In den Bildungswissenschaften stehen parallel dazu die Forschungsprojekte in der Vorbereitung angehender Lehrer*innen im Mittelpunkt, denen nunmehr Kenntnisse und insbesondere Umsetzungserfahrungen im Bereich der empirischen Bildungsforschung mit auf den Weg gegeben werden.

Forschendes Lernen

Im vorbereitenden Seminar werden insbesondere Grundlagen im Bereich der qualitativen sowie auch der quantitativen Sozialforschung erarbeitet und in Bezug auf potenziell umsetzbare Forschungsprojekte diskutiert. In den Begleit-seminaren ist die Reflexion der Forschungs-erfahrungen von zentraler Bedeutung. Bei dieser Thematik  ist ein „forschender Habitus“ relevant, der als grundlegender Bestandteil professionellen Lehrer*innenhandelns im Rahmen des Praxissemesters nachhaltig entwickelt werden soll – ein Aspekt, der besonders ins Gewicht falle, betont auch das Schulministerium.

Flexibel bleiben

Die zentrale Herausforderung bleibt die Kommunikation zwischen den Akteuren nicht nur über Inhalte, sondern auch über Funktion und Sinnhaftigkeit der Forschungsprojekte. Dabei geht es nicht primär um Forschung im rein wissenschaftlichen Sinne – erst recht nicht als „verlängerter Arm“ der universitären Forscher*innen. Es geht um „forschendes Lernen“, das heißt um die Grundhaltung, bildungsrelevanten Aspekten und Kontexten theoretisch und empirisch gestützt zu begegnen und diese zu reflektieren.

Einige grundlegende Elemente des Praxissemesters sind noch zu klären: Zum Beispiel zeigte
sich, dass über die intentionalen Hintergründe der Forschungsprojekte verstärkt kommuniziert werden sollte und insbesondere rechtliche Fragen nicht abschließend geklärt sind. Letztlich aber konnten das Praxissemester konstruktiv umgesetzt und die Forschungsprojekte erfolgreich abgeschlossen werden – dank der flexibilitätsorientierten Unterstützung und Mitwirkung aller Beteiligten in Schule, ZfsL und Universität.

Mehr Themen besetzen

Für die Hochschullehre sowie die Vorbereitung und Begleitung des Praxissemesters auf universitärer Seite ergibt sich aus den Problemfeldern die konkrete Notwendigkeit, Gegenstand und Praxis – insbesondere des forschenden Lernens – zu vermitteln. Die Studierenden sollen bei ihren Forschungsvorhaben möglichst realitätsnah im Sinne der Umsetzbarkeit unterstützt werden.

Gewisse Konfliktpotenziale bleiben bestehen, zumal die Studierenden bei der Planung der Forschungsprojekte nicht wissen, an welcher Schule sie ihr Praxissemester absolvieren. Deshalb müssen sich die Themen auf Felder fokussieren, die unabhängig von spezifischen Schulprofilen sind. Dabei besteht die Gefahr, dass bestimmte Aspekte wie Unterrichtsstörungen oder Unterrichtseinstiege zum Dauerbrenner werden, da sie schulunabhängig sind. Dies liefe jedoch der Bandbreite möglicher interessanter Forschungsfelder entgegen. 

Nicht nur Punkte sammeln

Auch die Anforderungen der nordrhein-westfälischen Universitäten sind noch zu verschieden: Die Ansprüche an die Projekte sollten quantitativ und qualitativ vergleichbar sein, insbesondere vor dem Hintergrund des reflexiven Charakters im Sinne eines forschenden Habitus. Dieser kann nur entwickelt und reflektiert werden, wenn die Freiräume dazu bestehen. Mehr Freiräume und Reflexionsanlässe zu schaffen, gelingt beispielsweise, indem kreditierte Aufgaben reduziert werden. Das Praxissemester soll eben nicht nur aus dem Abarbeiten von Leistungsanforderungen unter besonderem Notendruck bestehen, um die entsprechenden credit points zu erhalten. Denn das steht der Entwicklung eines forschenden Habitus diametral entgegen.

René Breiwe // In: nds 8-2015

Manuela Krause, Lehramtsstudierende an der Universität Duisburg-Essen: „Ich konnte in meinem Praxissemester alle Bereiche des Lehrberufs kennenlernen: Elternsprechtage, Fortbildungen, Konferenzen, Notenfindung, Korrekturen und vieles mehr. Vor allem durfte ich Unterricht in allen Klassenstufen in großem Umfang selbst gestalten. So habe ich im Praxissemester wertvolle Erfahrungen gemacht, die für den Start in das Referendariat bestimmt hilfreich sein werden. Leider gab es auch viele Studierende, die kaum oder gar nicht unterrichten durften. Das muss geändert werden! Verbesserungswürdig ist außerdem die Belastung durch die Uni: drei bis vier Forschungsprojekte plus Hausarbeiten sind definitiv zu viel.“